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Bewusstes Atmen - Teil 3

Der natürliche Atemprozess

BEVOR WIR GEBOREN WURDEN ...

als Fötus im Mutterleib, mussten wir noch nicht selbst atmen. Unsere Mutter atmete für uns. Ihr Blut floss durch unsere Adern und versorgte uns mit Sauerstoff und Nährstoffen. Doch wir übten bereits für jenen Tag, da wir den Mutterleib ein mal verlassen würden: Bereits als Fötus nämlich machten wir aktive Atembewegungen, hoben und senkten dabei das Zwerchfell und trainierten damit unseren wichtigsten Atemmuskel. Nur die Lungen waren noch nicht aufgefaltet. Mit der Geburt dann sollte sich alles ändern: In jenem Moment, da die Plazenta sich von der Gebär mutterwand ablöste, zogen sich die Blutgefäße der Nabelschnur zusammen, und die Konzentration von Kohlendioxid im Blut begann anzusteigen: Wir machten zum ersten Mal Bekanntschaft mit dem Gefühl von „Ich brauche Luft! Ich will atmen!“

 

Dann machten wir unseren ersten Atemzug: Luft strömte in die Lungen. Diese weiteten sich, und ebenso die Blutgefäße, durch die nun unser mit Sauerstoff an gereichertes Blut floss. Fortan atmeten wir selbst. In diesem ersten Atemzug bereits deutet sich an, wie wichtig Kohlendioxid ist, und was es bewirkt: Ohne dieses Signalmolekül würden wir keinen einzigen Atemzug tun, weder den ersten noch ir gendeinen anderen im Leben. Es ist nämlich das Kohlendioxid, das uns das Gefühl von „Ich will atmen!“ gibt; es löst den Atemantrieb aus, wie man sagt. Ohne Kohlendioxid würden wir schlicht nicht atmen. (Diesem überlebenswichtigen Gas, das noch andere vitale Funktionen im Atemprozess erfüllt, wollen wir uns noch in einem eigenen Artikel in dieser Serie zuwenden.)

 

Es muss sich unvorstellbar erlösend angefühlt haben, den ersten Atemzug zu tun, denn unmittel bar davor mussten wir eine ganze Zeit lang ohne Atem sein: Damit nämlich Luft in die Lunge ein strömen konnte, musste zuvor noch die Flüssigkeit aus den Lungen herausgepresst werden, während die Konzentration von Kohlendioxid kontinuier lich weiter anstieg. Bevor der erste Atemzug endlich kommen konnte, muss das gewesen sein, als ob wir „ertrinken und plötzlich nach Luft schnappen“ würden, wie Sylvia Knapp, eine Forscherin der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, einmal in einem Interview erklärte. Dabei muss ich an den berühmten Psychiater und Bewusstseins forscher Stanislav Grof denken, der unsere Geburt als das traumatischste Erlebnis beschreibt, das uns je widerfahren ist. Nichts im Leben käme dem in seiner traumatischen Intensität gleich, so Grof. Aus eben diesem Grunde betrachtet er es als lohnendes Unterfangen, sich diesem Trauma später im Leben bewusst anzunähern, sich daran zu erinnern und es noch einmal zu durchleben, um es dann wirklich loslassen zu können – all das übrigens mit Hilfe des bewussten Atmens: Dieses mächtige Werkzeug ist innigst auch mit unserer Psyche verbunden.

„ICH WILL ATMEN!“

 

Unser Leben außerhalb des Mut terleibs beginnt also mit einer längeren „Atempause“ und dem Gefühl, nicht genug Luft zu bekommen. Doch nach dem befreienden ersten Atemzug geht alles ganz leicht: Wir atmen sanft durch die Nase, dabei senkt und hebt sich das Bäuchlein mit jeder Ein- und Ausatmung, so wie wir das schon im Mut terleib geübt haben. Das Zwerchfell, wie eine Kuppel zwischen Brust- und Bauchraum aufgespannt, zieht sich bei der Einatmung zusammen und bewegt sich nach unten. Dabei drückt es auf die Bauchorgane, die ausweichen müssen: Die Bauchdecke weitet sich. Wir nennen das dann „Bauchatmung“. Es findet auch eine Weitung in die Horizontale statt, wenn die seitlichen Rippen sich bei der Einatmung sanft dehnen, und ebenso eine noch subtilere Weitung nach hinten: Sogar die Nieren werden beim Einat men sanft gedrückt, massiert. Diese Nasen-und-Zwerchfellatmung – die beiden wichtigsten Kennzeichen einer funktionalen At mung, die wir ausführlich im letzten Teil der Serie besprochen haben – beherrschen wir von Beginn an perfekt, ohne dass uns jemand hätte erklären müssen, wie das geht. Doch im Laufe des Lebens prägen schwierige Erfahrungen dem Atemprozess häufig ein dysfunktionales Muster auf. Es sind Er fahrungen wie zum Beispiel diese:

 

  • Ängste und Sorgen

  • Zeit- und Leistungsdruck

  • Unzufriedenheit

  • unterdrückte Emotionen

  • übertriebener Perfektionismus

  • Probleme im Elternhaus oder in der Partnerschaft

  • Stress

  • Traumata

Viele Menschen beginnen, immer mehr durch den Mund und in die Brust zu atmen, das Zwerchfell arbeitet dabei immer weniger, wird schwach und ver spannt sich – im Bereich des Zwerch fells kommt es zum Splinting: Wie ein Panzer verhärtet sich die Mitte unseres Körpers, eine entspannte Ausatmung ist dann kaum mehr möglich. Dies ist ein Problem, das ich in meinen Atem trainings sehr häufig antreffe, oft in Verbindung mit Schmerzen im unteren Rücken, den ein trainiertes Zwerchfell ansonsten stärken würde. Doch bei diesen Problemen der Atem mechanik bleibt es nicht, beim Atmen hängt nämlich alles mit allem zusam men. Die Atemrhythmik verändert sich ebenfalls: Die Atmung beschleunigt sich, wird zunehmend erratisch, fließt weniger gleichmäßig und sanft. Dabei nimmt das Atemvolumen zu, die Atem züge werden immer größer: Man über atmet, wie man auch sagt. Das nun löst eine Kette biochemischer Veränderun gen aus, über die wir an anderer Stelle noch reden werden, wenn wir uns der Bedeutung von CO2 zuwenden.

ext: Dr. Ralph Skuban - Skuban Akademie. Alle Rechte vorbehalten

Zitate, auch nur auszugsweise, nur mit Zustimmung des Autors.

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PRAXIS

 

Stärkung des Zwerchfells

 

Dieser Artikel begann mit unserem Atem im Geburtsprozess und dem Üben des Atmens schon als Fötus: Wir trainierten das Zwerchfell. Auf dem Weg zu einer gesunden Atmung nimmt dieser große Muskel, den ich auch unser Zentrum nenne, weil er buchstäblich in der Mitte unseres (Ober-) Körpers positioniert ist, eine Schlüsselrolle ein. Seine Bewegungen massieren und entgiften alle Organe des Bauchraums, vor allem des Darms, und unterstützen Letzteren bei seiner Verdauungsarbeit. Es stützt, wie wir gesagt haben, den unteren Rücken. Und es massiert sogar das Herz, das, in einem Beutel sitzend, der am Zwerchfell fixiert ist, bei jeder Einatmung sanft nach unten in die Länge gezogen wird. So will ich dir nun im Praxisteil eine einfache, kurze und doch intensive Übung vorstellen, mit der du das Zwerchfell trainie ren kannst. Jeden Tag fünf bis zehn Minuten sind schon genug. Du kannst die Übung überall machen; niemand wird bemerken, dass du gerade einer intensiven Praxis nachgehst, die – auch das sei hinzugefügt – eine angenehme sanfte Trance auslösen kann. Mach diese Übung deshalb bitte nicht beim Autofahren o.Ä.

 

Setz dich bequem hin, der Rücken ist natürlich aufge richtet. Komm einen Moment zur Ruhe.

 

Lass deinen Atem natürlich gehen: Du atmest durch die Nase, die Brust ist so ruhig wie möglich. Entspann dich in die Ausatmung.

 

Nun stell dir einen breiten, dehnbaren Gürtel vor, der auf Höhe des Bauchnabels straff um deinen Körper gespannt ist. Mit jeder Einatmung weite den Bauchraum und dehn diesen Gürtel in alle Richtungen aus: nach vorne, zu den Seiten, nach hinten.

Nun stell dir einen breiten, dehnbaren Gürtel vor, der auf Höhe des Bauchnabels straff um deinen Körper gespannt ist. Mit jeder Einatmung weite den Bauchraum und dehn diesen Gürtel in alle Richtungen aus: nach vorne, zu den Seiten, nach hinten.

 

Dann atme sanft aus und vervollständige die Ausat mung, indem du nach dem passiven Herausfließen des Atems die Bauchdecke nach innen in Richtung Wirbel säule ziehst.

 

Lass all das so langsam wie möglich geschehen: Einat men, den Gürtel weiten – fast als wolltest du ihn spren gen –, dann ausatmen und am Ende die Bauchdecke kräftig nach innen ziehen. Mach auf diese Weise drei bis fünf Atemzüge. Dann lass den Atem wieder von selbst und natürlich gehen, spür eine Minute nach. Schließ noch eine zweite und dritte Runde an. Mach die Übung von Runde zu Runde ein wenig intensiver – es ist ein Training, aber: Bleib immer in einem Bereich, der sich nicht zu anstrengend anfühlt! Sei also achtsam und übertreib hier nichts. Wenn du besonders langsam übst, kannst du eine leichte Trance erleben: Entspann dich in dieses Gefühl hinein … Wie immer: Genieß das bewusste Atmen in dem Wissen, dass es eine mächtige und heilsame Kraft ist.

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