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Bewusstes Atmen - Teil 4
Vom ersten bis zum letzten Atemzug - dein Leben

Im dritten Teil unserer Serie haben wir über die Zeit vor unserem ersten Atemzug gesprochen: über die schon im Mutterleib beginnende Aktivität und Stärkung des Zwerchfells zur Vorbereitung auf die Zeit nach unserer Geburt – jene Zeit also, an die wir meist denken, wenn wir von unserem Leben sprechen: die Zeit von unserem ersten zum letzten Atemzug. Der bekannte Weisheitslehrer Eckhart Tolle sagte in einem seiner Vorträge einmal, unser Leben wird eines Tages der Strich sein, der auf unserem Grabstein zwischen Geburts- und Todestag vermerkt sein wird. Ich stelle mir mein Leben gerne als die Atemzüge vor, die ich mache – um nicht zu sagen: die mir gegeben sind. Letztendlich weiß ich ja nicht, wie viele Male ich noch ein- und ausatmen darf. Doch eines weiß ich wohl: Je bewusster, achtsamer, sanfter und langsamer ich atme, desto besser meine Chancen, ein langes Leben leben zu dürfen. Es ist nämlich die Qualität der Atmung, auf die es ankommt, wenn wir uns fragen, was gesundes Atmen ausmacht.

 

DAS RINGEN MIT DEM ATEM AM ENDE DES LEBENS

Wenn Menschen krank sind, verliert ihre Atmung ihre Sanftheit, ihre Ruhe und ihr Gleichmaß. Am auffälligsten sieht man das an der Atmung von Sterbenden. Viele Male durfte ich das in meinem früheren Beruf miterleben:

Die Atemzüge werden in den letzten Tagen und Stunden laut, angestrengt und erratisch. Auf immer wieder viel zu lange Pausen folgen viel zu große Atemzüge, meist durch den Mund und in die Brust. Am Ende des Seins ist das Atmen eben oft ein Kampf. (Eine unübersehbare Parallele zum Anfang des Seins übrigens, ist doch der Geburtsprozess, wie wir im letzten Beitrag diskutiert haben, ebenso eine große Herausforderung für unsere dann erstmals einsetzende Atmung).

 

Irgendwann jedenfalls kommt er: jener letzte, erlösende Ausatem, auf den vollkommene Stille folgt. Und jeder im Raum Anwesende spürt – dem Schmerz des Verlustes zum Trotze – dass es gut ist. So jedenfalls habe ich es immer wieder miterleben dürfen. Zugleich konfrontiert die Schöpfung uns in just diesem Augenblick der letzten Ausatmung mit dem unlösbaren Rätsel des Lebens selbst: Was ist mit der letzten Einatmung gegangen, das uns unmittelbar zuvor noch Leben gab? Es ist nur zu gut nachvollziehbar, dass dem Atem schon seit alter Zeit eine tiefe spirituelle Bedeutung zukam. Ob im hebräischen Wort ruah, im griechischen pneuma, im lateinischen spiritus oder im indischen prana: Überall steht das Wort zugleich für Atem, Geist und Leben. Atem-Geist-Leben als Synonym und untrennbare Einheit, sei es metaphysisch-spirituell oder ganz konkret physisch.

 

 

 

UNSER ZENTRUM - DAS ZWERCHFELL

Beim letzten Mal sprachen wir ja über das Zwerchfell, unseren wichtigsten Atemmuskel. Es heißt auf Altgriechisch phren, und das meint ebenfalls Geist. Und es (das Zwerchfell) oder er (der Geist) liegt in diesem Denken in der Mitte unseres Körpers. (Später hat die abendländische Philosophie den Geist ja gewissermaßen ins Gehirn verfrachtet und vom Körper „getrennt“: Der Beginn unserer Zerrissenheit als Mensch. Ich nenne das Zwerchfell deshalb gerne unser Zentrum. Ist der Geist nicht mehr ganz (oder: heil), dann nennt man das wörtlich Schizophrenie. Wir können es auch so sehen: Ein „geteiltes Zwerchfell“ als Metapher für eine Atmung, die sich nicht mehr heilsam vollzieht: sanft, leise, diaphragmatisch und rhytmisch-fließend. Zwischen Schizophrenie und Atmung besteht auch ein wissenschaftlich abgesicherter Zusammenhang: Wie auch viele andere psychischen Probleme – Ängste, Depressionen, Störungen aufgrund von Stress oder Traumata, ADHS und anderes mehr – kann eine bewusste, physiologisch richtige und gesunde Atmung zu massiven psychischen Verbesserungen führen, wie die US-Mediziner und Atemtherapeuten Patricia Gerbarg und Richard Brown in der Psychiatric Times (Vol. 33, No. 11) erklären.

Das Sine-qua-non einer gesunden und anstrengungslosen Atmung ist ein Zwerchfell, das aktiv und trainiert ist, Eigenschaften, die vielen von uns aufgrund von Stress, Sorgen, Traumata und anderen Einflüssen verloren gehen: Die Atmung weicht aus in die Brust, wird angestrengt, intensiv, laut und unregelmäßig, dabei häufig verbunden mit dem Gefühl, nicht einen wirklich befriedigenden Atemzug tun zu können – fast ein Vorgeschmack auf den Atem am Ende unseres Lebens.

Eine einfache, zugleich aber intensive Übung, dein Zwerchfell zu aktivieren und zu stärken, habe ich dir in der letzten Ausgabe dieser Serie vorgestellt. Es ist gut, sie immer wieder zu üben, kostet sie doch auch nur 5 Minuten Zeit. Das Zwerchfell ist das Fundament unseres Atemprozesses ebenso wie es die Basis der Lungenflügel und des Herzens ist, die anatomisch direkt darauf ruhen.

Hier nun eine weitere Übung zur Schaffung von Zwerchfell-Bewusstsein: Atmen aus dem Zentrum. Sie ist im Kern nichts anderes als das, was ich auch gerne schlicht das natürliche Atmen nenne. Würde ich nur eine einzige Übung in meine Praxis einbinden, dann wäre es die folgende, die ich in allen meinen Atemtrainings und Atemcoach-Ausbildungen unterrichte.

 

Diese Form, jemanden ans natürliche Atmen heranzuführen, hat sich bei mir über die Jahre entwickelt, und du kannst sie als geführte Atemübung auch kostenlos von unserer Website als Audio-MP3 herunterladen:

www.skuban-akademie.de/atmen-heilt

 

Diese Übung kann jede*r mit großem Gewinn machen, ob alt oder jung, krank oder gesund.

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PRAXIS

 

Atmen aus dem Zentrum

  • Setze Dich bequem hin: auf einen Stuhl, dein Sofa oder auf ein Sitzkissen mit gekreuzten Beinen – was immer sich bequem für Dich anfühlt. Achte nur darauf, dass Rücken, Nacken und Kopf in einer natürlich-aufrechten Haltung sind. Und atme während der Übung nach Möglichkeit nur durch die Nase.

  • Lege eine flache Hand auf die Brust, die andere auf den Bauchnabel oder etwas darüber, so dass die Hand zwischen Bauchnabel und Brustbeinspitze zu liegen kommt – der „natürliche Arbeitsbereich“ des Zwerchfells, wie ich gerne sage.

  • Komme ein, zwei Minuten zur Ruhe, nimm deinen Körper wahr und den Atem, so wie er sich dir in diesem Moment zeigt.

  • Lenke jetzt deine Aufmerksamkeit zur oben liegenden Hand und den Brustraum. Folge dort der Bewegung des Atems. Nur hinschauen: Ist da eine Weitung mit der Einatmung? Ein Zurückschwingen mit der Ausatmung? Oder ist es eher still, ohne Bewegung? Nur wahrnehmen. Bleib ein paar Atemzüge dabei.

  • Verlagere nun deine Wahrnehmung zur unten liegenden Hand und zum Bauchraum. Folge auch hier dem Atemgeschehen: Eine sanfte Weitung der Bauchdecke mit der Einatmung, ein Zurückkommen mit der Ausatmung. (Ist es bei dir umgekehrt, dann solltest du das unbedingt korrigieren, wobei dir diese Übung eine Hilfe sein kann.) Ein paar Atemzüge. Nur zuschauen, hinspüren. Ein paar Atemzüge.

  • Nimm nun beide Bereiche gleichzeitig wahr. Dein Gewahrsein liegt auf Brust und Bauch. Schau der Bewegung des Atems dort ein paar Atemzüge lang zu.

  • Dann atme so, dass sich die Brust nicht – oder zumindest kaum – mehr bewegt. Alle Atemaktivität kommt nun allein aus dem Bauchoder Zwerchfellraum (wir könnten auch „unterer Atemtraum“ dazu sagen). Allein das Zwerchfell (mit ein wenig Mithilfe einiger äußerer Zwischenrippenmuskeln im Bereich der unteren Rippenbögen) besorgen nun die gesamte  Mechanik des Atems. Sie ist die Voraussetzung für eine gesunde Physiologie der Atmung, auf die wir in einem anderen Beitrag noch genauer zu sprechen kommen werden.

  • Du atmest ein, die Bauchdecke weitet sich. Und wenn du noch genauer hinspüren möchtest: Auch die seitlichen unteren Rippenbögen weiten sich. Vielleicht nimmst du auch eine Ausdehnung nach unten in den Beckenraum wahr oder sogar eine sanfte Weitung nach hinten in den Bereich der Nieren. Du atmest aus, die Bauchdecke kommt zurück, der ganze untere Atemraum entspannt.

  • Lass sanft los in jede Ausatmung und warte einfach, bis die nächste Einatmung von selbst zurückkommt. In ihrer eigenen Zeit und Größe. Du erlaubst einfach, dass der Einatem von selbst zurückkommt. Doch du machst nichts. Lass alles Wollen los.

  • Bleibe in diesem natürlichen Prozess 5 oder 10 Minuten – oder gerne auch länger, wenn es sich gut anfühlt.

 

Betrachte jede Ausatmung als ein Ausruhen, als nach Hause kommen. Und jede Einatmung als Geschenk der Schöpfung: neu geboren werden, um auf die Reise des Lebens zu gehen. Und denke über dieses nach: Niemand von uns weiß, wie viele Atemzüge uns noch gegeben sind.

 

Viel Freude beim bewussten Atmen!

Ralph

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